Abend-Tour

Nichts motiviert einen mehr, als die Aussage: Das geht nicht! Fügt man sich der Warnung, verzichtet man zugleich auf eine Erfahrung, die möglicherweise neue Wege anbietet. Und auf das Gefühl großer Zufriedenheit, wenn man sagen kann: Doch! Es geht! 

Gut, ich sage es gleich, ich konnte den Gegenbeweis nicht (vollständig) erbringen. Aber ich bin trotzdem glücklich und voller Vorfreude, dass es beim nächsten Versuch noch besser funktionieren wird. Worum ging es? Ganz einfach, um die selbstgestellte Aufgabe, die HafenCity am Abend bei Dunkelheit zu fotografieren. Und genau das ist das Problem, denn ein Foto ist nichts anderes als eingefangenes Licht. 

Fehlt die Helligkeit, dann kann man technisch ein wenig dagegenhalten. Am effektivsten mit Blitzlicht, was im Freien leider wenig Wirkung zeigt. Es gibt wirkungsvollere Optionen, beispielsweise indem man das Objektiv mit größter Blende auswählt, den ISO-Wert (eingebaute ‚Laterne‘) erhöht, eine Fernauslösung einsteckt und vor allem ein Stativ schultert. Zu all dem hatte ich aber wenig Lust, denn meine oberste Richtschnur bei Fotospaziergängen ist und bleibt die Bequemlichkeit. Alles muss so einfach wie möglich sein. Bloß keinen schwerbeladenen Rucksack mitnehmen und schon gar kein Stativ. Und so machte ich es auf meine Art, sicherlich suboptimal, aber simpel und beherrschbar. 

 

 

Mit viel Optimismus marschierte ich los. Den automatischen Kamerafokus hatte ich deaktiviert, denn wo die Kamera nichts sehen kann, kann sie auch nicht von allein scharfstellen. Wann immer möglich suchte ich mir Geländer oder Tischplatten, um eine möglichst sichere Unterlage zu haben, denn die Belichtungszeit musste ich bis auf 1/10 Sekunde erhöhen, und das ist eine Ewigkeit, wenn kein Wackeln passieren darf. Klappte natürlich nicht immer, aber besser als gedacht.

Weil ich der Technik nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte, konnte ich umso intensiver die Atmosphäre erkunden. Abends ist es ganz anders als tagsüber. Es sind viel weniger Touristen unterwegs, aber es ist auch dann nicht menschenleer, und das fand ich sehr angenehm. Insbesondere in der Speicherstadt, in deren engen Gassen es ziemlich unheimlich ist. Kein Wunder, dass man hier die Edgar-Wallace-Filme drehte. Die alten, hohen Backsteinhäuser werden oftmals von außen beleuchtet, aber die ebenso alten Brücken leider nicht. Und so tappte ich vorsichtig von einer knarzenden Holzbohle zur nächsten, in der Hoffnung, dass sich nirgendwo ein Loch auftut. Tief unter mir hörte ich das Wasser gurgeln und in der Ferne huschten Schatten vorbei. Oder doch nur eine Täuschung? Trotz Herzklopfen lohnt sich der Weg, denn das viele dunkle Wasser der Fleete reflektiert jede Lichtquelle wie ein Spiegel. Und das sieht einfach wunderschön aus.

Zum Glück kenne ich mich inzwischen in der HafenCity recht gut aus. Ich weiß, wo Treppenstufen sind und wo Anleger OHNE Geländer auf einen warten. Da ich ein wenig nachtblind bin, also Grautöne kaum unterscheiden kann, und nachts sind bekanntlich alle Farben grau, bin ich froh, dass ich mich auf meine Ortskenntnisse verlassen kann. Obwohl wir erst in der zweiten Märzwoche sind, waren die Temperaturen noch angenehm mild und einige Gäste saßen sogar noch draußen und suppelten den Aperol, mit oder ohne Spritz.

 

 

Mein Weg führt weiter als geplant. Immer entdeckte ich neue Motive, denen ich folgte. Schon auf dem Rückweg stand für mich fest, dass ich das zeitnah wiederholen will. Aber erst einmal musste ich am PC herausfinden, ob auf den Bildern überhaupt irgendetwas erkennbar war. Es war und wie! Schaut man mit Vergrößerung die Pixel an, wird man ausschließlich Fehler sehen. Tritt man aber innerlich zurück und betrachtet es als Ganzes, dann erkennt man die Magie, die die HafenCity in der Nacht entwickelt. Fast alle Häuser leuchten warm von innen, kaum jemand hat seine Fenster verdunkelt. Oft sind Spotlights an den Fassaden angebracht, die die Wände mit Lichtkunst aufwerten. Die Elbe selbst ist tiefschwarz, aber drüben, wo gearbeitet wird, erstrahlt das Areal im gleißenden Scheinwerferlicht. Die Schiffe haben ihre roten und grünen Positionslampen gesetzt, die beiden Farben, die den Schiffsverkehr regeln, und abends überall sichtbar sind. Am schönsten aber sind die bunten Reflexionen im Wasser selbst, die mit den Wellen tanzen und so klar strahlen, als hätte man die Leinwand gerade poliert.

Also, ich bin zufrieden. Die Fotos gefallen mir und deshalb zeige ich sie hier gerne. Es gibt Luft nach oben, was unbedingt motivierend ist, und beim nächsten Mal werde ich zumindest eines anders machen, nämlich den ISO-Wert leicht erhöhen. Das hatte ich doch glatt vergessen und merkte es erst, als ich wieder zu Hause war. Und wenn ich Ihnen noch etwas anvertrauen darf, dann verrate ich, dass ich einen ersten Blick bei Amazon auf leichte Stative geworfen habe. Natürlich nur mal so, ganz unverbindlich, Sie verstehen schon.