Alter Wandrahm

Früher war das der Name einer kleinen Elbinsel auf dem Brook. Bis heute hat sich an der Insellage nichts geändert, aber man nimmt sie nicht als solche wahr. Sie wurde Teil der Speicherstadt und dicht mit den typischen hohen Speicherhäusern bebaut. Der Fußgänger kann wählen. Entweder geht man unmittelbar am Zollkanal entlang oder zwischen den hohen Häusern auf der Straße ‚Alter Wandrahm‘. Südlich wird die Mini-Insel (Breite ca. 60 Meter) vom Wandrahmsfleet begrenzt, allerdings ohne Platz für einen Fußweg. Dort stehen die Lagerhäuser unmittelbar am Wasser, denn von dort wurde die Ware auf kleinen Booten angeliefert. Per Flaschenzug konnten die Säcke bis unters Dach im 6. Geschoss hochgehievt werden.

 

 

Was aber genau ist ein ‚Wandrahm‘? Wikipedia gibt mir Auskunft. Es handelt sich um Holzgestelle (Rahmen), auf denen große Tücher zum Trocknen aufgehängt wurden. Hier hatten sich Tuchmacher angesiedelt. Sie wurden schon 1386 erwähnt und ab 1574 taucht der Straßenname ‚Wandrahm‘ auf. Kurz später begann man mit der Bebauung. Erst sehr viel später wurde die Straße ein kleines Stück in Richtung Westen verlängert. Nun begann sie schon auf Höhe der St. Katharinenkirche und man nannte es den ‚Neuen Wandrahm‘. Da war es naheliegend, auch die alte Straße entsprechend umzubenennen. 

 

 

Heute ist von der ehemaligen Nutzung und den alten Häusern, den sogenannten Rahmenhöfen, nichts mehr zu sehen. Aber die Speicherhäuser sind erhalten geblieben, jedenfalls ein Teil von ihnen. Die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg hinterliessen einige Lücken. Sie wurden mit modernen Bürohäusern gefüllt, deren Fassade sich farblich und gestalterisch gut einpassen. Ein Spaziergang lohnt sich, besonders wenn man die weit zurückreichende Geschichte kennt. Man trifft auf einige Touristen, aber keine Mengen wie an der Elbphilharmonie. Viele wählen die Bootsfahrt zur Besichtigung und das ist sicher eine gute Wahl. Die kleinen Rundfahrtschiffe können durch die Fleete fahren, jedenfalls bei Flut. Dann kommen sie den Speicherhäusern ganz nahe und man wird vom Bootsführer bestens über die Umgebung informiert.

Wo heute das Wasserschloß steht, am östlichen Ende des Wandrahms, war früher die Poggenmühle zu finden. Betrieben wurde sie natürlich durch Wasser und genutzt wurde sie zum Bearbeiten der Tücher. Die Stoffbahnen wurden gewalkt, also unter Druck verformt. Dadurch sollte das Material fester oder auch weicher werden. In der plattdeutschen Alltagssprache nannte man die Walkmühle auch Pochmühle. Ein Wortspiel machte daraus Poggenmühle. Das war nämlich das Wort für ‚Frösche‘. Im heutigen Wasserschloß kann man lecker essen und mit Glück einen Platz auf der Terrasse finden. Sie wird gleich von drei Seiten umspült, denn hier treffen sich zwei Fleete. Den besten Blick darauf hat man abends von der Poggenmühlenbrücke. Dort stehen dann die Fotografen dicht gedrängt nebeneinander.

Ende des 17. Jh. entdeckten reiche Kaufleute den Wandrahm als Wohnadresse. Sie ließen sich komfortable Stadthäuser auf der kleinen Insel bauen. Leider ist keines davon bis heute stehen geblieben. Aber die sehr viel später erbaute Speicherstadt ist noch immer vorhanden und inzwischen UNESCO-Welterbe. Fünf Blöcke sind auf der Wandrahmsinsel zu finden: P, Q, R, S und X. Einige von ihnen haben statt des Satteldaches ein Flachdach bekommen und dadurch zwei zusätzliche Böden (Etagen). Die alphabetische Bezeichnung ist auf großen Tafeln an den jeweiligen Hauseingängen angezeigt. Außerdem kann man die OpenStreet Map verwenden, wo man die Angaben ebenfalls findet.

 

 

Der kurze Rundgang auf der Wandrahmsinsel ist kein Highlight, das ganz oben auf der To-do-Liste steht. Es ist ein netter Spaziergang, etwas abseits vom Mainstream. Eine gute Gelegenheit für eine Verschnaufpause an einem anstrengenden Tag. Ich bin dort gerne, weil man immer wieder neue Eindrücke finden kann. Dann nämlich, wenn man sich die Details der Fassaden anschaut. Obwohl die Speicherstadt eine Lagerstätte war, haben die Architekten sehr kunstvolle Fassaden erstellt. Kein Haus gleicht dem anderen, auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag. Stets hat man individuelle Details eingebaut, die jeden Speicher einmalig machen. Und die Kunstfertigkeit, mit der damals der Klinker vermauert wurde, lässt mich immer wieder staunen. Es sind kleine, bautechnisch unwesentliche Bereiche, die mit größtem Aufwand verziert wurden. Wer die Ankersteinbaukästen kennt, ein Vorgänger von Lego, wird sich erinnert fühlen. 

Für Heiratswillige bietet sich übrigens eine perfekte Gelegenheit für den Antrag. Einfach eine Bootsfahrt durch die Fleete buchen und warten, bis das Wasserschloss in Sicht kommt. Keine Sorge, man wird rechtzeitig erinnert, denn der Käpt’n sorgt vor. Aus den Lautsprechern dringt eine italienische Liebesarie und das Boot dreht sich im Walzertakt. Alles direkt vor dem malerisch erleuchteten Schlösschen. Es kann nichts schiefgehen, es sei denn, man wählt die falsche Uhrzeit aus. Tagsüber, beispielsweise in der sengenden Mittagssonne, will sich die Romantik nicht einstellen. Dann erinnert das Manöver eher an einen Brummkreisel. Auch lustig und vielleicht ein Anwärter für die unvergessenen Momente.

 

 

 

Hamburg um 1590

Es gibt eine alte Karte von Hamburg, die viele Details zeigt. Sie wurde von Georg Braun und Franz Hogenberg gezeichnet. Ich zeige einen Ausschnitt davon. Man sieht den alten Hafen im Nikolaifleet, der bis heute kaum verändert wurde. Natürlich inzwischen ohne Schiffe und die alte Bebauung fehlt auch. Man erkennt die Cremon-Insel, die an den heutigen Zollkanal anschließt. Daneben, südöstlich, findet man die Wandrahm-Insel. Detailliert haben die Künstler die Holzrahmen eingezeichnet. Dank dieser Karte kann man sich gut vorstellen, wie es damals dort ausgesehen hat

 

Quelle: Wikipedia, Karte ist gemeinfrei gekennzeichnet.