Die einen feiern Himmelfahrt, die anderen ihren eigenen Vater. Petrus scheint für beide Parteien kein Herz zu haben. Es ist kalt und grau, und immer denkt man, gleich fängt es an zu regnen. Am Chicagokai (HafenCity) hat der nächste Kreuzfahrer festgemacht. Ein weiteres Schiff der TUI-Flotte. Die ‚Mein Schiff 2‘ liegt dort, aber ihretwegen mache ich mich nicht auf den Weg. Ich will etwas überprüfen, was mir gestern auffiel, als noch die ‚Norwegian Sky‘ an gleicher Stelle lag.
Als ich in die HafenCity zog, entdeckte ich zufällig ein Möwennest. Es lag keineswegs versteckt, aber man achtete nicht darauf. Eine Möwe, die auf einem der vielen Dalben sitzt, ist ein geläufiger Anblick. Niemand ahnte, dass sie auf ihrem Gelege saß, und erst als sich drei winzige Schnäbel in die Luft reckten, wurde ich neugierig.
Im vergangenen Jahr kamen die Eltern an die gleiche Stelle, bauten ihr Nest und verließen es überraschenderweise kurz später. Grund waren die neuen Nachbarn am Kai. Das Kreuzfahrtterminal hatte eröffnet. Anfangs kam nur drei- bis viermal im Monat ein Schiff, aber das störte gewaltig. Die Möweneltern entschieden schnell, dass das kein sicherer Platz für ihren Nachwuchs sei. So kam es, dass sie das Nest über Nacht verließen.
Umso erfreulicher, dass sie in diesem Jahr wiedergekommen sind. Und sie haben sich sogar noch ein wenig näher an den Schiffsrumpf herangetraut. Vielleicht ist es dort besonders windstill und deshalb kinderstubentauglich. Das Heck der Schiffe, liegt kaum zwei Meter von dem Möwennest entfernt. Die Passagiere im Restaurant sitzen direkt vor ihnen. Ob sie es merken, möchte ich eher anzweifeln.
Ich bin mit großem Besteck heute Morgen losgezogen. Das Teleobjektiv schien mir sinnvoll zu sein. Durch den Sucher konnte ich die Möwe deutlich erkennen. Keine Frage, sie brütet. Solange die Kleinen nicht geschlüpft sind, wird sie das Nest nicht verlassen. Ich wusste, dass der Vater in unmittelbarer Nähe sein musste, und ich entdeckte ihn schnell. Er saß auf einem erhöhten Platz (Laterne), von wo er alles gut im Blick hatte. Sollte jemand dem Nest zu nahekommen, würde er sich im Sturzflug auf den Angreifer werfen.

Vermutlich sind Möwen viel schlauer, als man denkt. Sie beobachten alles sehr genau und können vielleicht Rückschlüsse ziehen. Das riesige Schiff wirkt zwar zunächst bedrohlich, ist aber eher Schutz als Gefahr. Niemand wird die junge Vogelfamilie von dort aus stören.
Wenn alles gut geht, werden die Kleinen in knapp einem Monat schlüpfen. Darauf freue ich mich jetzt schon. Sie sind sehr niedlich, haben dichte Flaumfedern, mit braunen Punkten, und einen nie endenden Appetit. Für die Eltern werden das harte Zeiten, aber die beiden sind schon erfahren, und werden es meistern. Wünschen wir ihnen viel Glück und allen anderen Vätern einen guten Feiertag.






