Countdown

Der Arzt Dr. John Dolittle konnte mit den Tieren sprechen. Das kann ich nicht, auch wenn ich mich bei unseren Hunden und Katzen sehr bemüht habe. Sie taten zumindest so, als würden sie mich nicht verstehen. Und doch bin ich auf dem besten Wege, denn ich kann die Gedanken der Tiere lesen. Das funktioniert nicht immer, aber heute hat es geklappt. Eine Möwe saß auf einem Duckdalben und starrte das Kreuzfahrtschiff an, das vor ihr festgemacht hatte. Sie schaute sehr konzentriert, war ganz vertieft in ihre Gedanken. Hatte sie die Stirn in Falten gelegt? Ich bin mir nicht sicher, aber ich konnte sehen, wie tief sie in ihren Erinnerungen wühlte. Das hier war nämlich der Platz, an dem sie erstmals ihre Flügel ausgebreitet hatte, um das Fliegen zu üben. Hier, genau hier oben auf dem dicken Pfahl, hatten ihre Eltern das Nest gebaut. Ein perfekter Platz, denn er war unerreichbar für alle vierbeinigen Räuber. Damals konnte man weit über die Elbe schauen, bis zu den Elbbrücken und bis rüber nach Steinwerder. Und nun liegt da auf einmal ein dicker Pott, der mit mächtigen Seilen an dem Dalben vertäut ist. Das muss man erst einmal verdauen.

 

 

Ich schaue mir den Kreuzfahrer ähnlich interessiert an, wie die kleine Möwe. Seit ein paar Tagen beschäftige ich mich mit dem Thema ‚Landstrom‘ und frage mich, ob ich womöglich das erste Schiff im Hafen entdeckt habe, das diese E-Versorgung nutzt? Aus dem Schornstein kommt kein Wölkchen und es brummt auch kein Dieselmotor im Schiffsbauch. Zwischen der E-Station und dem Schiff ist eine Verbindung zu erkennen, die sich dann aber als weitere Festmacherleine entpuppt. 

 

 

Der Hamburger Senat hat vorgelegt. Die Terminals sind mit Landstromanlagen ausgestattet und inzwischen sind sie auch auf den Landungsbrücken installiert. Genutzt werden sie wenig. Weder von den großen Schiffen, noch von den Ausflugsbooten. Die HADAG-Fähren sind vermutlich keine Kunden, denn sie liegen nur kurze Zeit am Anleger und machen sich dann schon wieder auf den Weg. Sie haben eine Alternative gewählt, nämlich den E-Antrieb. Die ersten drei Fähren fahren ausschließlich mit Batterieversorgung, die einen ganzen Tag lang durchhält. Nachts lädt man dann an der eigenen Ladestelle wieder auf. Das gilt aber nicht für die Fahrgastschiffe, die zur Hafenrundfahrt einladen. Sie fahren noch immer mit Dieselbetrieb, was man hören und riechen kann. Laut blubbernd liegen sie an den Landungsbrücken, direkt neben einer der vielen E-Ladestationen. Die werden ignoriert; kein Kabel verbindet das Schiff mit dem Landstrom. Dabei hätten sie es am Anfang sogar umsonst zapfen können, aber selbst dieses großzügige Angebot genügte nicht als Anreiz. Wenn ich es richtig verstanden habe, basiert die Nutzung auf Freiwilligkeit. Es gibt keine Verordnung, die die Reeder zwingt. Das könnte man ändern und wird es wohl auch irgendwann machen. Die Kreuzfahrer haben immerhin schon recht frühzeitig ihre Teilnahme zugesagt und halten ihr Versprechen. Darunter die Schiffe von AIDA, MSC, TUI und Hapag-Lloyd Cruises.

 

 

Im nächsten Jahr (2026) werden auch die letzten Kreuzfahrtterminals mit Landstrom ausgestattet. In der HafenCity ist das bereits geschehen, allerdings legen dort auch ältere Schiffe an, die das nicht nutzen können. Wenn der Stecker fehlt, nützt die Dose wenig. Ab 2027 erwarte man dann von allen Cruisern die Nutzung des Landstroms. Das heißt also, dass die Schiffe ihre dieselbetriebenen Maschinen abschalten, sobald sie festgemacht haben. Für die Ohren wird es ruhiger, für die Lungen sauberer und für die Umwelt verträglicher. Dann freut sich auch die Möwe, die eigentlich gerne ihr eigenes Nest in der ehemaligen Kinderstube gebaut hätte. Daraus wird nichts. Aber zum Glück gibt es viele Duckdalben in der Elbe. Da wird sie bestimmt einen finden, wo das Brüten noch Spaß macht.

Ach, ich kann ja noch gar nicht ‚Auf-Wiedersehen‘ sagen, denn dann scheint es so, als hätte ich diesem Beitrag die falsche Überschrift gegeben. Es dreht sich zwar alles um den Landstrom, aber gedanklich bin ich ganz woanders. Nämlich in der Gegenwart, also beim 16. Dezember 2025. Die Uhr tickt, das Jahr klingt aus. Ich habe sogar drei Countdowns auf meinem Smartphone laufen. Der erste zählt nur noch fünf Tage lang, dann klingelt’s. Dann erleben wir nämlich die Wintersonnenwende. Am 21. Dezember erreicht die Sonne den Wendekreis des Steinbocks, also ihren südlichsten Himmelsstand. Danach werden die Tage wieder länger, erst ganz langsam, dann aber, schon Anfang Januar, merkt man es deutlich. Es geht wieder bergauf, der Startpunkt ist durchwandert. Kurz nach der längsten Nacht feiern wir Weihnachten. Und schließlich ist Silvester und wir feiern in das neue Jahr. Drei Termine, die alles dasselbe bedeuten. Ein Jahr ist durchlebt, eine neue Runde steht bevor, die Seite wird umgeblättert. Noch ist sie unbeschrieben, niemand weiß, welche Abenteuer, Herausforderungen und Glücksmomente dort vermerkt werden können, und das ist auch gut so. Sonst gäbe es keine Überraschungen, die wir meist ganz gerne erleben. Vorsichtige Menschen, so wie ich, merken schnell, dass man sich kaum vorbereiten kann. Aber eins bleibt mir doch zu tun. Ich versuche mit aller Kraft zu vermeiden, dass mein neues, schneeweißes Blatt, nicht schon zu Anfang mit einem dicken Tintenklecks beschmutzt wird. Das wäre zu ärgerlich. Also, nichts überstürzen und neugierig bleiben.