Das Möwennest

Letztes Jahr, genau zum Pfingstfest, waren die Möwen zurück. Sie hatten am selben Ort schon im Vorjahr gebrütet, und da sie monogam leben und in der Regel ortstreu sind, war ich mir sicher, dass es dasselbe Paar war. Ich freute mich, ein zweites Mal mitzuerleben, wie die Kleinen schlüpfen, wachsen und schließlich das Nest verlassen. Ohne Flugtraining, nur mit Trockenübungen. Noch im Nest sitzend, strecken sie ihre langen Gliedmaßen und versuchen sich hüpfend im Flügelschlag. Dann aber kam alles ganz anders.

Schon nach wenigen Tagen war das Nest verlassen. Ein Alarmzeichen, denn ein brütendes Paar bleibt stur auf den Eiern sitzen. Egal was kommt. Wind, Regen, Sturm oder Hagel wird getrotzt. Das Gelege muss warm bleiben, um jeden Preis. Grund für die Flucht war das Kreuzfahrtterminal in der HafenCity. Es hatte eröffnet und erste, kleine Schiffe legten gelegentlich an. Genug Störung und Veränderung für die besorgten Möwen.

 

 

Wieder feiern wir Pfingsten. In diesem Jahr legen die Schiffe viel öfter am Chicagokai an und sie sind inzwischen auch deutlich größer als die ersten Gäste. Oft ragt ihr Bug über die Kaimauer hinaus und die Taue zum Festmachen müssen besonders lang sein. An all das hatten sich die Möwen gewöhnt. Sie haben die Situation beobachtet und erkannt, dass ihnen keine Gefahr droht.

Das hochaufragende Heck des Cruisers ist zwar keine zehn Meter von ihrem Nest entfernt, und wirkt erst einmal bedrohlich, aber dort drüben passiert nichts. Niemand stört sie, im Gegenteil, die steile Stahlwand schützt sie vor Wind und Wetter.

Beim Ablegen gibt es für die brütenden Eltern sogar noch einen Bonus. Das Schraubenwasser wühlt ganz sanft die Elbe auf und spült dabei einige Fische an die nahe Oberfläche. Leichte Beute für die Vögel. Die können jeden Happen in der Brutzeit brauchen, denn die ist hart. Die Elternmöwe verharrt pausenlos im Nest, hungert und hofft, dass der Partner etwas mitbringt.

Mit bloßem Auge kann man das Nest nicht sehen. Es ist kaum mit Material ausgestattet. Obwohl dieses Mal sogar ein blattloser Zweig eingebaut wurde, was ungewöhnlicher Komfort ist. Der gewählte Ort ist so gut, dass man nichts weiter vorbereiten muss. Die Möwen brüten auf einem der Dalben, die ein Stück vom Ufer entfernt im Wasser stehen.

Über den Rand schaut lediglich der Kopf der Möwe heraus. Sie duckt sich tief und wärmt die Eier so gut es geht.

Gleich auf drei benachbarten Dalben sehe ich ebenfalls Möwen sitzen. Ich glaube aber, dass nur auf einem der Pfähle ein Nest ist. Auf jeden Fall tut sich da was und ich bin gespannt, wann die Kleinen schlüpfen. Lange wird es nicht mehr dauern, und natürlich gehe ich jetzt öfter dorthin als sonst.

Drücken wir gemeinsam die Daumen, dass alles gut geht. Dann kann ich versprechen: Fortsetzung folgt.