Die Königin

Die Nächte könnten nicht länger sein, aber das Aufstehen fällt überraschend leicht. Dafür gibt es natürlich einen Grund. Gestern war es der Sonnenaufgang, der den Himmel und das Wasser in eine leuchtend rote Lichtershow verzaubert hatte, und heute lockte mich eine echte Königin aus den Federn. Das Kreuzfahrtschiff Queen Anne wurde erwartet. Ein seltener Besuch und erstmals am Kai der HafenCity. Bestimmt eine Herausforderung für das Team des Cruise Centers, denn ein so großes Schiff (320 Meter) mit fast 3.000 Passagieren (plus 1.200 Besatzungsmitgliedern) hatte hier noch nie angelegt. Eine Premiere für die HafenCity, die damit endgültig in der Liga der Großen mitspielen darf. Nächstes Jahr hat sich schon die AIDA-Reederei angemeldet, und dann werden wir uns langsam daran gewöhnen, Schiffsgiganten dieser Größe vor der Haustür zu haben. 

 

Die Queen Anne zu Besuch in Hamburg. Erstmals hat sie in der HafenCity festgemacht. Grund genug, um früh aufzustehen. Die Passagiere frühstücken noch, ich sehe sie hinter den Scheiben zum Restaurant. Ich würde es genauso machen. Keiner will vorzeitig von Bord gehen. – Der Himmel zeigt sich für einige Minuten in violetten Farben. Einer Königin sehr angemessen.

 

Mancher wird meine Begeisterung nicht teilen und auf die negativen Aspekte hinweisen. Stinkende Abgase, zu viele Touristen, alles nur auf den kommerziellen Gewinn ausgerichtet etc. Stimmt, aber was ist mit der Freude? Mit dem Staunen, dem Fernweh und der immer netten Begegnung mit den Gästen, die Hamburg so hoch einschätzen, dass sie ihre Zeit und ihr Geld für den Besuch investieren? Und dann entdecke ich die große Überraschung. Die Cunard Line, die die Queen Anne bereedert, hat sich für die Nutzung des vorhandenen Landstroms entschieden. Gestern habe ich noch darüber geschrieben und nun hat sich das erste Kreuzfahrtschiff eingestöpselt. Aus dem gewaltigen Schornstein entsteigt kein Wölkchen. Die Dieselaggregate wurden gestoppt. Geht also, und ich wette, in gar nicht so ferner Zukunft wird das ganz normal sein.

Ein Sonnenaufgang wie gestern wird sich heute nicht einstellen. Es ist noch dunkel, als ich am Kai ankomme, aber die Wetterlage hat von sonnig auf bewölkt gedreht. Man kann nicht alles haben. Schließlich zeigt sich aber doch noch ein wahres Sonnenfeuer. Nur kurz und nur knapp über dem Horizont. Man könnte glauben, es wäre ein exklusiver Gruß für den besonderen Gast.

 

 

Queen Anne ist das jüngste Schiff unter ihren Schwestern: Queen Elizabeth, Queen Mary 2, Queen Victoria. Manche denken jetzt vielleicht an die Schwester von König Charles III. Aber sie trägt natürlich keinen Königstitel und ist auch nicht gemeint. Engländer werden es wissen, aber wir können mit Queen Anne, aus dem Haus Stuart, wenig anfangen. Sie ist die Namensgeberin und sie war die erste Königin des Vereinigten Königreiches, inkl. Schottland und Nordirland. Das Schwesterschiff wurde zwar von Queen Elizabeth II. getauft, erinnert aber an ihre gleichnamige Mutter, die als „Queen Mum“ in Erinnerung geblieben ist. Wer vielleicht selbst einmal eine Reise auf einem dieser Schiffe machen will, ist mit der Queen Anne gut bedient. Sie wurde nämlich erst im letzten Jahr in Dienst gestellt. An Bord ist alles neu und hochmodern, und doch setzt man eine alte Tradition von Passagierschiffen fort, die den Atlantik bei jedem Wetter queren können. 

Der Kapitän hat auf eine sehr englische Tradition nicht verzichten wollen. Eigentlich haben sie es aus Deutschland importiert, nämlich den geschmückten Weihnachtsbaum in der Wohnung. Prinz Albert, der Ehemann von Queen Victoria, stammte aus Hessen und machte die Engländer mit der deutschen Weihnachtsfeier bekannt und vertraut. In den typischen englischen Reihenhäusern, die räumlich eher beengt sind, findet sich immer ein Platz für eine ausgewachsene Tanne. Die wird meistens schon am 1. Dezember aufgestellt und geschmückt. Selten ist am Weihnachtstag noch eine Nadel zu sehen, aber das nimmt man in Kauf. Es ist üblich, dass an Bord der Schiffe Weihnachtsbäume zu sehen sind, fast immer am Bug. Als ich vor ziemlich genau einem Jahr an Bord eines AIDA-Schiffes war, entdeckte ich den Baum hoch oben am Schornstein. Der Kapitän der Queen Anne wollte ihn aber in nächster Nähe haben, sozusagen in der guten Stube, und deshalb steht ein vollbeleuchteter Baum auf der Brücke. 

 

 

Weder am Kreuzfahrtterminal Steinwerder, noch in Altona, hat heute ein Schiff festgemacht. Die Queen Anne hat sich also ganz bewusst die HafenCity ausgesucht, und das macht mich ein klein wenig stolz. Vor allem aber neugierig, wer noch alles kommen wird. Der Besuch heute ist ein besonderer, denn er öffnet eine Tür für andere Schiffe. Und Hamburgs jüngster Stadtteil, die HafenCity, fängt an, so auszusehen, wie sie von den Architekten auf Hochglanzbildern vorgestellt wurde. Meistens erweist sich die spätere Realität deutlich nüchterner, aber hier und diesmal hat man ziemlich viel richtig gemacht. 

Ich werde mich heute Nachmittag noch einmal auf den Weg machen. Werde mir die Queen Anne mal von der Rückseite ansehen, was am besten von der Terrasse am Strandkai funktioniert, und weil dort auch noch ein nettes Café geöffnet hat, werde ich bei Weihnachtsstollen und heißer Schokolade die Aussicht genießen. Wenn ich Glück habe, erwische ich den Moment, wenn das Schiff ablegen wird, und dann winke ich hinterher, wie man es bei lieben Freunden so macht. Sie wird auf direktem Weg nach Southampton zurückkehren, neue Passagiere aufnehmen und dann zu den Kanarischen Inseln fahren. Aber schon im Januar ist sie wieder in Hamburg und Anfang Mai (2.5.2026) legt sie erneut in der HafenCity an. Ich kann es kaum erwarten.