Ein prächtiges Schiff

Stets achten wir auf die Ausnahme. Auf das rote Pferd oder den schlichten Gegenstand, der ganz alleine vor einer farbenprächtigen Kulisse steht. Ein gut trainierter Körper sieht in einer Gruppe von dünn bearmten Männern noch kräftiger aus. Der Hintergrund und die Umgebung beeinflussen unsere Wahrnehmung, denn wir neigen stets zum Vergleich. Es scheint uns schwer zu fallen, einen Tagesbeginn schön zu finden, aber wir stellen ohne Umwege fest, dass er viel schöner als der gestrige ist. Vielleicht drehten meine Gedanken ähnliche Pirouetten, aber meine Begeisterung stellte sich auf den ersten Blick ein. Die ‚Indepence of the Seas‘ lag am Pier der HafenCity und das sah überwältigend aus. Es war wohl das mit Abstand größte Schiff, dass hier bisher angelegt hatte. Stolze 340 Meter lang und damit in der Bauklasse einer AIDA. Für das eher kleine Terminal vor dem Westfield Center, war das ein gewaltiger Brocken. Erstmals hatte man zwei Gangways aufgebaut, sonst hätten die max. 3.600 Passagiere zu lange warten müssen, um an Land zu gehen.

 

Das Sonnendeck hat sicherlich einen großen Pool und viele Liegen. Aber etliche bunte Farbkleckse deuten darauf hin, dass dort noch andere Angebote auf Gäste warten.

 

Es war aber nicht alleine die Größe, die mich beeindruckte. Nein, dieses Schiff war eine wahre Schönheit. Blendend weißer Rumpf, genau wie die Aufbauten und alles blitzsauber und in der Sonne glänzend. Am Heck eine bunte Röhre, natürlich eine Wasserrutsche, mit etlichen Windungen, von denen so einige außenbords reichten. Der Bug ragte in die Höhe und wenn man seitlich davor stand, erinnerte er mich an die Gesichtsform eines Delphins. Trotz der Größe durchaus rund und knuddelig. 

Die Reederei lockt potenzielle Gäste mit dem Versprechen auf ein ganz neues Abenteuer. Das glaube ich sofort, denn genau den Eindruck hatte ich auch. Das Schiff scheint eine Wundertüte voller Überraschungen zu sein und doch wirkt es hochklassig und elegant. Tatsächlich hat die ‚Independence of the Seas‘ einiges zu bieten, was nicht selbstverständlich ist. Darunter ein Casino, einen Surf-Simulator, eine steile Kletterwand und die erwähnte Rutsche. Für die überragende Kulinarik sind Kreuzfahrer bekannt und auch für das allabendliche Unterhaltungsprogramm. Auf diesem Schiff soll es mit Shows überzeugen, die an die Qualität der Broadway-Bühnen erinnern.

 

 

Noch ist es nicht möglich, das Schiff ungestört von der Seite zu betrachten. Eine große Baustelle liegt unmittelbar davor. Vielleicht schon im nächsten Jahr wird hier ein Hochhaus stehen, dann ist der Blick ganz versperrt, aber direkt an der Elbe wird sicherlich eine breite Fußgänger-Passage zum Verweilen einladen. Solang das noch nicht möglich ist, gehe ich bei den großen Besuchern, gerne auf die Terrasse vor dem alten Unilever Haus. Dort hat man entweder den Bug oder das Heck zum Greifen nah. Die dicken Taue, die das Schiff mit dem Anleger verbinden, sind hier aus nächster Nähe zu sehen. Sie sind enorm dick, stöhnen unter der mächtigen Zugkraft und wiegen vermutlich einige Zentner, die von den Festmachern gehoben werden müssen.

Die ‚Independenc of the Seas‘ hat noch zwei baugleiche (?) Schwestern. Ihr Basis-Hafen ist Southampton, aber zur Renovierung wurde Blohm und Voss in Hamburg angesteuert. Das war im April 2013 als das Schiff gerade mal fünf Jahre alt war. Beim Verlassen des Schwimmdocks wäre ich gerne auf den Landungsbrücken gewesen, denn das große Schiff kann schnell die gesamte Elbe versperren. Das war sicherlich Feinarbeit für die Schlepperkapitäne und den Hafenlotsen.  

 

 

Als die Taufe in Southampton stattfand, durfte Elizabeth Hill die Zeremonie durchführen. Eine Ehre, die üblicherweise von prominenten Leuten übernommen wird. Sophia Loren oder gar die Königin Maxima standen schon als Paten bereit. Und die Cunard Line konnte die heutige Königin Camilla zur Taufe der ‚MS Queen Victoria‘ überreden. Wer aber ist Elizabeth Hill? Sie hat keinen Wikipedia Eintrag, denn sie ist eine ganz gewöhnliche britische Bürgerin. Oder doch eher außergewöhnlich, denn sie hat eine Einrichtung zur Betreuung von Kindern mit körperlichen Behinderungen und Lernschwächen ins Leben gerufen. Das war aber nicht der Grund für ihre Benennung als Taufpatin. Sie hatte sich an einer öffentlichen Ausschreibung der Reederei beteiligt und wurde unter den mehr als 1.700 Bewerber/innen ausgesucht. Eine große Ehre, aber hätte ich eigentlich die Nerven, um die Sektflasche erfolgreich gegen die Bordwand zu werfen? 

Die ‚Independence of the Seas‘ wird in diesem Jahr noch einmal nach Hamburg kommen. Sie wird schon am 13. Oktober erwartet, dann aber leider im Cruise Center Steinwerder. Ich sage ‚leider‘, weil es verdammt versteckt liegt und nicht einfach zu erreichen ist. Aber ich hege große Hoffnungen für das Terminal an der HafenCity. Wenn die ‚Independence of the Seas‘ dort festmachen konnte, dann können es auch die großen Schiffe von AIDA und MSC. TUI Cruises schickt seine ‚Mein Schiff‘ – Flotte bereits dorthin und die anderen zögern vermutlich, weil sie selbst an den Terminals in Steinwerder und Altona beteiligt sind (AIDA). Warten wir es ab. Noch ist das Cruise Center HafenCity in den Kinderschuhen, noch ist das Hotel in den oberen Etagen nicht eröffnet. Das nächste Jahr wird uns zeigen, was dort alles möglich ist und da das große TV-Silvester-Feuerwerk gerade von Berlin nach Hamburg umgezogen ist, und in der HafenCity an der Elbkante stattfinden wird, ist der passende Auftakt schon mal garantiert.

 

Die Baustelle macht es unmöglich, das Schiff in ganzer Länder zu sehen. Aber durch die Autos und Bau-Container wird deutlich, wie groß der Kreuzfahrer ist.