Eine gute alte Bekannte dümpelt vor der Kaikante am Cruise Center der HafenCity. Mit ihrer signalroten Lackierung am Bug und Dachrand fällt sie schon von Weitem auf, besonders an einem so diesigen Winternachmittag wie heute. Aber was macht das Schiff hier? Es ist Teil der Deutschen Küstenwache und patrouilliert normalerweise in der Deutschen Bucht. Im Mai besucht es regelmäßig Hamburg, wenn wir unseren Hafengeburtstag feiern. Manchmal kam die ‚Neuwerk‘ selbst zum Gratulieren, manchmal schickte sie eines ihrer drei Schwesterschiffe. Auf jeden Fall ist sie die größte unter ihnen.
Schiffe wie die ‚Neuwerk‘ sind vielseitig. Sie können als Hochsee-Schlepper dienen, helfen beim Tonnenlegen oder werden als Eisbrecher eingesetzt. Vermutlich ist genau das die Aufgabe der ‚Neuwerk‘. Morgen früh wird die ‚MSC Poesia‘ erwartet und dann sollte die Anlegestelle möglichst eisfrei sein. Noch haben wir Dauerfrost und trotz Handschuhen habe ich schon nach kürzester Zeit eiskalte Finger. Der Frost beißt zu, wo immer er kann. Und die Elbe friert so langsam zu. Der Weg von der Nordsee ist zu weit, um das salzige Meerwasser bis in den Hafen zu spülen. Anders in London: Dort schwimmt nicht nur das Salz bis in die Stadt, sondern gerne auch mal ein kleiner Seehund oder ein paar Schweinswale.
Die Kälte lässt alles erstarren, auch mich. Prompt stolpere ich über die eigenen Füße und falle der Länge nach hin! Die Kamera knallt auf Betonstufen und ich schürfe mir die Haut an Hand und Knie ab. Am schlimmsten ist der Schreck. Zum Glück ist nichts passiert, weder mir noch der teuren Ausrüstung. Schnell rapple ich mich wieder auf, schaue links und rechts und bin irgendwie erleichtert, dass es niemand mitbekommen hat (und warum erzähle ich es jetzt der ganzen Web-Welt?). Schneller als geplant mache ich mich auf den Heimweg. Zurück in die warme Stube und erst einmal ‚Wunden‘ lecken.
Stunden später hält sich die ‚Neuwerk‘ noch immer vor der HafenCity auf. Ich sehe sie auf meinem iPad, in der App ‚Vessel Finder‘. Sie wird bestimmt auch morgen noch dort sein, danach setzt dann langsam Tauwetter ein. Dann werde ich sie mir noch einmal ansehen, zusammen mit dem Kreuzfahrer von der MSC-Reederei. Bestimmt ein interessantes Gespann. Vorher mache ich mich noch über die ‚Neuwerk‘ schlau: Sie wurde 1997 in Dienst gestellt. Hat bei der Sicherung eines havarierten Öltankers vor der spanischen Atlantikküste geholfen und auch schon einen ausgewachsenen Wal-Kadaver vor Cuxhaven geborgen. Das Schiff hat einen riesigen Kran an Bord und große Löschkanonen für Brandbekämpfung auf See. Schiff und Besatzung sind Allrounder, die können vermutlich so gut wie alles. Aktuell kümmern sie sich um das Eis vor der HafenCity. Dort fließt die Norderelbe mit ihrer ca. 15 Meter tiefen Fahrrinne vorbei. Zugefroren ist sie bislang nicht, denn im Wasser ist viel Bewegung. Zum einen durch die Fließgeschwindigkeit der Elbe und dann das ständige Auf und Ab, das die Gezeiten verursachen. Es haben sich aber dicke Eisschollen gebildet, die mit sichtbar hoher Geschwindigkeit flussabwärts treiben. Die ‚Neuwerk‘ passt auf, dass sich keine größere geschlossene Fläche bildet. Sie ist fast 80 Meter lang und knapp 19 Meter breit. Die Besatzung besteht aus 16 Männern und/oder Frauen. Damit haben sie mehr Leute als die meisten Frachter an Bord. Aber jeder Einsatz ist eine Herausforderung und für jede Aufgabe braucht man Spezialisten. Aktuell ist wohl der Steuermann gefragt, der das Schiff auf Kurs hält. Bin gespannt, wie das morgen aussieht. Ich mache mich dann noch einmal auf den Weg.
Nachtrag: Verspekuliert
Am nächsten Morgen war die ‚Neuwerk‘ verschwunden. Schon am Tag zuvor hatte sie Hamburg verlassen und lag nun ganz in der Nähe der Insel, deren Namen sie trägt. Das Eis war noch da, wenn auch langsam schmelzend. In Hamburg hatte ein Gipfeltreffen der Energieminister stattgefunden, der sogenannte Nordsee-Gipfel. Es ging um die Zukunft der Offshore-Windkraft in der Nordsee und alle Anrainer waren gekommen. Vermutlich konnten die Engländer besonders viel beitragen, denn sie haben schon vor 25 Jahren die ‚London Array‘ und benachbarte Parks geplant und gebaut, die damals das größte Windkraft-Areal der Welt darstellten. Für die prominenten Teilnehmer hatte man die ‚Neuwerk‘ bereitgestellt. Eine schlaue Idee, denn so konnte man etwas Interessantes zeigen und hatte gleichzeitig maximalen Personenschutz.
Auf der Elbe schwimmen zwar immer noch Eisschollen, und daran wird sich wohl auch in den nächsten zehn Tagen nichts ändern, allerdings sind sie wirklich nicht so dick, dass man gleich das größte Schiff der Küstenwache um Hilfe bitten muss. Und vielleicht kommt die ‚Neuwerk‘ zum Hafengeburtstag zurück, und der ist schon in drei (!) Monaten.



















