Letzte Woche fühlte es sich wie im Kühlschrank an, aber über Nacht wurden wir umgelagert. Jetzt leben wir im Gefrierfach. Statt milder Frühlingsluft, weht der eiskalte Atem von Väterchen Frost durch die HafenCity. Das Thermometer bleibt im Minusbereich und fällt nachts bis auf zehn Grad unter Null. Da hilft nur noch eine dicke Decke oder ein kuscheliger Bettfreund, zwei- oder vierbeinig, egal.
Ein Trostpflaster hat das Wetter doch noch mitgebracht, nämlich die Sonne. Ich stand heute früh wohl nicht alleine augenreibend am Fenster und fragte mich, was das helle, runde Ding da oben sein könnte. Es ist lange her, dass eine Lücke in den grauen Wolken zu sehen war. Heute war sie endlich da, pünktlich zum Sonntag. Ich packte die Kamera ein, packte mich warm ein und marschierte los. Stellenweise ist es glatt, wie im Eiskanal. Noch hat die Stadtreinigung nicht reagiert. Zum Glück gab es keinen Regen, auch der ist eingefroren.
Heute sieht die Elbe anders aus, als in den letzten Tagen. Da trieben große Eisschollen flussabwärts. Jetzt friert das Wasser an Ort und Stelle zu. Noch ist die Fahrrinne offen und das wird wohl auch so bleiben, aber in den flachen, alten Hafenbecken ist eine geschlossene Eisdecke zu sehen. Sie fällt und steigt zusammen mit der Tide. Die Möwen schauen sprachlos umher. Da ist gar kein Fleck mehr zu finden, der zum Verweilen einlädt. Und an die Fische kommen sie auch nicht mehr heran. Zum Glück gibt es Wintertouristen, und die teilen ihre Snacks großzügig mit ihnen. Tagsüber naschen die Vögel an den Resten und abends lecken die Ratten die Reste auf. Gehört im Hafen alles dazu.
Gerne wäre ich noch weitergelaufen, aber die Kälte kriecht unter die wärmende Jacke. Zum Glück ist es windstill. Ich kehre also frühzeitig um und habe umso mehr Zeit für die Fotos und Videos, die ich gemacht habe. Ein neues Video, mein drittes, bastle ich mir zusammen und veröffentliche es auf YouTube. Das Ergebnis ist noch ziemlich weit davon entfernt, was ich eigentlich erreichen möchte, aber es macht mir ungeheuer viel Spaß. Und es gibt Leute, die es sich ansehen. Wow!
Seit vielen Wochen ist das Terminal erstmals am Sonntag verwaist. Kein Kreuzfahrer hat festgemacht, denn unser Dauergast, die MSC Poesia, ist inzwischen wohl in der Werft angekommen. Dafür kommt morgen noch einmal die Iona, das größte britische Passagierschiff. Sie ist schon auf dem Weg nach Hamburg. Vor ihr, steuerbord, liegt aktuell (14:30 Uhr) die Insel Terschelling und in Kürze wird die AIDAnova in Sicht kommen. Die ist auf dem Weg nach Rotterdam. Ein ewiges Kommen und Gehen.
Ich habe mir heute Vormittag ein anderes, sehr viel kleineres Schiff angesehen. Es kam gerade elbabwärts gefahren, und als ich den Namen las ‚Sophia Soraya‘ klingelte ein Glöckchen in meinem Kopf. Den Namen, bzw. das Schiff, habe ich schon so oft gelesen, gesehen, im Hafen entdeckt. Also erst einmal der Name! Sofort denkt man an den Iran oder eigentlich an Persien und den Schah. Man erwartet ein elegantes, bildschönes Schiff, und dann staunt man, was da tatsächlich vorbeischwimmt: ein hundert Meter langes Binnenschiff (Frachter), das pausenlos die Elbe hoch und runterfährt. Oftmals bis Brunsbüttel, dann wieder zurück nach Hamburg. Die Reederei hat einen Vertrag mit der Aurubis AG und transportiert Kupfererz. Die Aurubis produziert rund um die Uhr Kupferprodukte und die Sophia Soraya transportiert diese an umliegende Häfen weiter. Auch ein ewiges Kommen und Gehen. Und das erklärt mir auch, warum ich das Schiff schon so oft gesehen habe. Künftig halte ich die Augen auf und suche nach Kaja Josephine. Das schöne Kind ist die Schwester von Sophia. Beide teilen sich den Job. Aber vorher, nämlich schon morgen, besuche ich schnell noch einmal die Iona. Sie wird danach für einige Zeit auf See sein. Es ist also eine vorerst letzte Gelegenheit.



















