Eiskeller

Moin, ihr Lieben! Es ist bannig kalt. Ach was, es ist  a….kalt. Über Nacht kam ein seltener Besucher: eisige Kälte, direkt vom Nordpol, kein bisschen vorgewärmt. Gut, davon habe ich im mummelig warmen Bett nichts mitbekommen, aber heute Morgen zeigte das Thermometer minus elf Grad an und es wird über den ganzen Tag nicht mehr als ein, höchstens zwei Grad ansteigen. 

 

 

Die letzten Tage war es unberechenbar glatt auf den Fußwegen. Das gut gemeinte Streusalzverbot hat seinen Preis eingefordert. Die Umwelt wird geschont, dafür füllen sich die Krankenhäuser bis auf das letzte freie Bett. Ich habe Angst vor einem Sturz, und genau diese Haltung ist hinderlich. Stocksteif taste ich mich über Schnee und Eis. Der Tipp, man solle es wie die Pinguine machen, schien mir sofort logisch. Nun watschele ich also mit kleinen Schritten, Füße nach außen gestellt und abgespreizten Armen, über das Pflaster. Sieht komisch aus, aber es hilft. Schwerpunkt tiefer legen, rät der Statiker. Das ist leichter gesagt als getan. Aber ich übe es fleißig, wenn vielleicht auch nur im Kopf. Trotz aller gut gemeinter Warnungen, bleibe ich neugierig auf die ungewohnte Wettererfahrung. Also mache ich eine Runde am Hafen. Dick eingepackt, mit Mütze, Schal und Handschuhen. Die Kamera bleibt zu Hause. Sobald ich die Handschuhe ausziehe, und das muss ich machen, um die kleinen Knöpfe zu drücken, frieren mir die Finger blau. Ein kleiner Fotoapparat mit aufgeschraubtem Haltegriff und Fernauslöser ist die bessere Wahl. Ich kann losgehen.

 

 

Dicker Nebeldunst liegt in der Luft. Wahrscheinlich friert die letzte Luftfeuchtigkeit gerade ein. Es ist nicht viel los. Ein paar Touristen, die das Januar-Schnäppchen im Hotel genutzt haben, staksen stumm an mir vorbei. Alles scheint eingefroren. Das Lächeln, die Sprache und die Füße ohnehin. Wie immer am Sonntag, liegt die MSC Poesia an der Kaikante vor dem Westfield Center. Passagierwechsel. Erste Kreuzfahrer kommen mir entgegen. Ihre Koffer-Trolleys dienen als willkommene Stütze. Wenigstens ein fester Halt auf den dicken Eisflächen. Die meisten sind warm gekleidet, aber nicht alle haben geeignetes Schuhwerk in ihren Koffern gefunden. Junge Männer laufen in schicken weißen Sneakern vorbei. Wenn sie ausrutschen sollten, dann wenigstens stylish gekleidet. 

 

 

Die Elbe ist in dem Dunst kaum zu sehen und ich will nicht näher rangehen, denn dann wird es mich ganz bestimmt von den Füßen hauen. Aber die fängt tatsächlich an zuzufrieren. Ganz langsam schiebt sich das Wasser flussabwärts. Das ist sichtbar dickflüssiger als üblich, und an einigen Stellen haben sich kleine Eisplatten gebildet, auf denen die Möwen mitsegeln. Ein einziges kleines Schiff, eine Ausflugsbarkasse, biegt vom Magdeburger Hafen in die Norderelbe. Es fährt ganz nahe am Ufer. Ich kann nur einen Passagier ausmachen, der einsam am Heck steht und Fotos schießt. Auf die Touristenschiffe ist Verlass. Sie fahren ganzjährig bei jedem Wetter, egal ob mit oder ohne Fahrgäste. 

 

 

Einen kleinen Schlenker wage ich noch, bevor ich wieder ins warme Nest zurückkehre. Ich gehe noch zu den Marco-Polo-Terrassen, um nachzusehen, was dort los ist. Wenig, auffallend wenig. Ein junges Paar führt seinen Hund spazieren. Der hat richtig Spaß und rennt voller Lebensfreude durch den Pulverschnee. Der friert nicht, weil er einfach gegen die Kälte anrennt. Wäre wohl auch eine wirksame Maßnahme, aber mir geht vermutlich viel zu schnell die Puste aus. Auch hier, am Ende des Grasbrookhafens, traue ich mich nicht, näher ans Wasser zu gehen. Vorher müsste ich nämlich viele Stufen bewältigen. Das ist hier alles potenzielles Flutgebiet und deshalb hoch aufgeschüttet. Straßenterrain und Promenaden am Wasser trennen gut 12 Meter in der Höhe. Treppen- oder Rampensteigen gehört deshalb im Hafen zum Alltag. Der Wasserstand im Hafenbecken ist flach, viel flacher als in der Fahrrinne der Norderelbe. Es sieht so aus, als wäre es zugefroren. Da bewegt sich nichts mehr. Wetterbedingter Stillstand. 

Heute Nacht wird es noch einmal mächtig kalt werden. Dann aber, ab morgen Vormittag, steigen die Temperaturen rasant an. Statt minus 10 Grad erwarten wir dann plus 5 Grad. So soll es erst einmal bleiben. Also, wer weiß, vielleicht war das heute schon der Abschied vom Winter 2025/26?