Gleich nach dem Frühstück gehe ich erst einmal in den Keller. Habe ich sie mitgenommen oder doch entsorgt? Mein Keller ist klein, da kann sich nichts verstecken, und deshalb finde ich den Karton mit den „richtigen“ Winterstiefeln schnell. Seit Jahren brauchte ich sie nicht mehr, denn das bisschen Schnee in den Vorjahren konnte mit jedem Schuhwerk bewältigt werden. Heute aber liegen satte 15–20 cm auf Plätzen und Wegen und die wollen durchstiefelt werden. Im Überseequartier ist das Westfield-Management für die Schneeräumung zuständig, und die sind schon frühmorgens mit ganz großem Geschirr ausgerückt. Als ich losgehe, ist der gesamte Platz blitzblank geräumt. Sobald ich aber an die Straße komme, sieht es anders aus. Hier war kein Winterdienst und das gilt auch für Fußwege und öffentliche Plätze. Die gesamte HafenCity ist im Winter Natur pur. Da muss man höllisch aufpassen, sonst legt man sich hin. Die Touristen tun mir ein wenig leid, wer packt schon seine Stiefel vorsichtshalber in den Koffer?
Herrliche Luft, Temperatur um den Gefrierpunkt. Es soll in den nächsten Tagen so bleiben und es ist auch noch mehr Schneefall angesagt. Mir ist es recht, denn es sieht wunderschön aus. Und das Spaziergehen macht Spaß. Der trockene Neuschnee knarzt und poppt unter den Füßen, dass man gar nicht genug davon bekommt. Ich meide die schmalen Spuren, die eine Schneefräse gezogen hat, und laufe lieber im unberührten Neuschnee. Auf der angebotenen Loipe ist es oft höllisch glatt, also das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen wollte.
Auf der Elbe ist es ganz still. Ein einziges kleines Schiff zieht vorbei, ein Binnenschiffer. Am O’Swaldkai liegen zwei Containerschiffe, die beladen werden. Ein drittes Schiff, ein großer Autofrachter, musste auf Warteposition am Süd-West-Terminal ausweichen. Passiert nicht oft, aber im Hafen gilt: Es ist, wie es ist. Grundsätzlich kennt man keinen Feierabend, keine Sonn- oder Feiertage. Trotzdem war es über Weihnachten und Silvester ruhiger, denn die Besatzungen möchten auch mal ein paar Tage der Besinnlichkeit erleben. Da ankert man dann draußen vor Helgoland auf Reede und wartet ab.
Auf dem Strandkai, dem Quartier unmittelbar an der Elbe, sind in den letzten Monaten viele Leute in ihre Wohnungen gezogen. Heute Morgen kamen mir einige von ihnen mit ihren Hunden entgegen. Manche Vierbeiner zitterten, obwohl sie in eine warme Decke eingehüllt wurden, andere waren mutiger. Ein Chow-Chow zeigte seine helle Freude durch breites Grinsen und sanftes Schweifwedeln. Dem gefiel der Schnee und die Temperatur. Sein dickes Fell war genau für solche Bedingungen gemacht. Ich empfand es als nett, dass einige mich grüßten. Das ist unter Nachbarn in der HafenCity üblich. Ich weiß gar nicht genau, woran wir uns erkennen, aber vielleicht reicht es, dass wir Tagesausflügler und Touristen treffsicher heraussortieren können. Auf jeden Fall ist das gegenseitige Grüßen, auch wenn man sich nicht persönlich kennt, eine freundliche Geste und eine gute Gelegenheit, um ein paar Worte zu wechseln.
Am Marco-Polo-Platz gibt es eine Ecke, wo das Gelände ansteigt. Man hat einen kleinen Haufen Erde dort aufgeschüttet, niemand weiß wozu. Ich dachte bisher immer, dass es Reste guten Mutterbodens waren, für die man keine Verwendung hatte. Heute lernte ich den wahren Zweck des Mini-Hügels kennen. Na klar, er dient zum Rodeln! Als ich nachmittags diesen Beitrag schreibe, hat draußen dichtes Schneetreiben eingesetzt. Das kann spannend werden. Übermorgen wird die MSC Poesia am Cruise Gate HafenCity erwartet, da wird sich mancher Passagier die Augen reiben. Ich lasse meine Winterstiefel erst einmal in der Wohnung, dann habe ich sie immer in Griffweite. Da warten bestimmt noch viele Schneemänner auf mich, die fotografiert werden wollen.






















