Leinen los

Vor dem Westfield Center, an der Wasserkante, ist ein Kommen und Gehen. Gemeint sind nicht die vielen Kunden, gemeint sind die schwimmenden Gäste am Terminal. Ein Kreuzfahrer geht, der nächste kommt. Man begegnet sich auf der Elbe irgendwo zwischen Stade und Brunsbüttel. Heute mittag lief die Norwegian Sky aus, sie will nach Holland. Morgen früh wird ein TUI-Schiff den Liegeplatz einnehmen. Es brummt, die Kassen klingeln, das Konzept scheint zu funktionieren.

Der Mensch gewöhnt sich schnell so ziemlich an alles. Anfangs war jedes Schiff noch eine Sensation und wer konnte stand am Kai und staunte. Inzwischen gehören die Kreuzfahrer zum Alltag und meine Nachbarn bleiben zu Hause. Wer Glück hat kann die Schiffe vom Balkon aus sehen. Alle anderen haben sich an den Anblick längst gewöhnt. Ich bin da gar keine Ausnahme, schaue aber manchmal genauer hin und endecke dann immer wieder Neues. Eine Situation reizt mich noch immer wie am ersten Tag, nämlich der Auslauf der Schiffe. Fast immer müssen sie sich gleich nach dem Ablegen erst einmal um die eigene Achse drehen. Erst dann liegt der Bug in Richtung Nordsee. 

 

 

Das Ablegen ist spannend, aber woher weiß man, wann es stattfindet? Natürlich gibt es einen Fahrplan und dort wird die Zeit benannt, aber in der Seefahrt darf man sich auf solche Angaben nicht verlassen. Es gibt viele Dinge, die den Ablauf stören können. Vor allem natürlich die rechtzeitige Ankunft der Gäste. Vermutlich wird man nicht auf ein oder zwei Personen warten, die zu spät kommen, aber wenn es einige Dutzend sind, dann wird der Kapitän warten. So passierte es etwa letzte Woche, als der Hamburger Flughafen für ein paar Stunden gesperrt wurde. Ankommende Maschinen wurden nach Hanover umgeleitet und mit ihnen die erwarteten Kreuzfahrtgäste. Die Reederei setze sie in einen Bus, der nach einigen Stunden Hamburg erreichte. Das Schiff legte schließlich mit über fünf Stunden Verspätung ab.

Ich habe inzwischen meine eigene Liste entwickelt, die mir Auskunft gibt, ob eine Abfahrt unmittelbar bevorsteht. Es gibt nämlich durchaus einige Hinweise, auf die man sich verlasssen kann. Etwa eine halbe Stunde vor dem Ablegen, geht der Hafenlotse an Bord. Normalerweise kommt er mit dem Schiff, eine kleine Barkasse mit der Aufschrift ‚Pilot‘. An Bord geht er sofort auf die Brücke und wird sich in der Nock aufhalten, die zum Kai zeigt. Das ist die seitliche Verlängerung der Brücke, die breiter als die Aufbauten ist und deshalb freien Blick auf die ganze Schiffsseite bietet. Er schaut, ob die Gangway noch verbunden ist und ob die Festmacher bereit stehen. Sie lösen die schweren Taue und sind an der leuchtend roten oder orangen Arbeitskleidung zu erkennen. Auch sie kommen ungefähr 30 Minuten vor der Abfahrt zum Schiff. Dann hilft ein Blick zum Schornstein. Der Diesel sollte inzwischen laufen und die dunklen Abgase werden dichter. Und schließlich sieht man am Heck oder auch seitlich aufgewühltes Wasser. Sogenanntes Schraubenwasser, das aber wohl eher von den kleinen Turbinen erzeugt wird, die das Schiff steuern und antreiben.

 

 

Bei der Norwegina Sky, der ich heute mittag beim Ablegen zuschaute, klappte alles wie am Schnürchen. Eine Schönheit ist sie nicht und sie gehört auch nicht zu den ganz großen Kreuzfahrtschiffen, aber beeindruckend war es auf jeden Fall. Kaum hatte sie sich von der Kaikante gelöst, nahm sie auch schon deutlich Fahrt auf. Und zwar rückwärts, denn als erstes muss das Wendemanöver eingeleitet werden. Dass klappte reibungslos, auch wenn es immer so aussieht, als würde es verdammt eng werden. Und es ist tatsächlich eng, denn der maximale Wendekreis beträgt 400 Meter im Durchmesser und das Schiff ist 260 Meter lang. Morgen wird die ‚Mein Schiff 2‘ an gleicher Stelle wenden und die misst stolze 315 Meter, da bleibt nicht viel Platz.

Natürlich schaue ich mir morgen den nächsten Besucher an und vielleicht komme ich rechtzeitig zum Auslauf vorbei. Dann bringe ich wieder Fotos mit. Mein eigentliches Ziel gilt aber einem sehr viel kleineren Besucher. Wenn ich nämlich heute richtig geschaut habe, dann war da eine Möwe gleich neben dem Schiff am Brüten. Das wäre wunderbar, denn dort haben sie schon vor zwei Jahren ihren Nachwuchs groß gezogen. Letztes Jahr kamen plötzlich die großen Cruiser und vertrieben die Vögel. Aber vielleicht haben auch sie sich inzwischen an die neuen Nachbarn gewöhnt. Wie anfangs erwähnt, geht das schnell und schließt so ziemlich alles ein.

Weil man das Auslaufen eigentlich in der Bewegung erleben sollte, habe ich schnell noch ein Video auf YouTube hochgeladen.