Den Namen kennen Sie bestimmt. Und wenn Sie die HafenCity besuchen, und sich sachkundig führen lassen, dann werden Sie ihn auch hier hören. Ein Platz am Grasbrookhafen und ein Luxus-Hochhaus tragen seinen Namen. Aber fangen wir erst einmal mit dem Original an:
Marco Polo wurde 70 Jahre alt, und das im 13. Jahrhundert. Beachtlich. Er bereiste Asien, was damals ebenfalls außergewöhnlich war. Er stammte aus einer venezianischen Händlerfamilie. Zeitweise war er Kommandant eines venezianischen Kriegsschiffes und geriet prompt in mehrmonatige Gefangenschaft. Zum Zeitvertreib diktierte er einem Mitgefangenen seine Reisegeschichten. Ein Bestseller für die Nachwelt. Sieht man sich seine Reiseroute an, kann man Zweifel am Wahrheitsgehalt bekommen. Wie hat er das damals gemacht? Zu Fuß, mit dem Pferd/Kamel oder Schiff? Er legte eine unvorstellbare Strecke zurück. Heute gelten seine Berichte als authentisch. Sie sind zu genau, zu detailliert, um einfach nur abgeschrieben zu sein. Ich kann es mir trotzdem nicht vorstellen. Sein Name ist nicht nur bis China gedrungen, sondern auch auf den Mond. Dort wurde ein Krater nach ihm benannt. Und seit 2009 ist Marco Polo auch in der HafenCity angekommen. Ein besonderes Haus und der davor liegende Platz tragen seinen Namen. Damit will ich mich heute beschäftigen, denn China ist mir einfach zu weit weg.
Der Strandkai ist das ‚Sahne-Quartier‘ in der HafenCity. Liegt er doch unmittelbar am Wasser. Die schmale Landzunge wird im Süden von der Elbe begrenzt und im Norden vom Grasbrookhafen. Wohnt man in einer der oberen Etagen, dann hat man einen sensationellen Blick auf die Altstadt bis Alster oder auf die Elbe bis Landungsbrücken. Mehr geht nicht. Und deshalb findet man dort eine der teuersten Adressen Hamburgs, nämlich den Marco-Polo-Tower am Strandkai. Der wurde schon relativ früh gebaut und bezogen. Das Richtfest fand am 3. April 2009 statt und ein Jahr später zogen die ersten Mieter ein. Allerdings schickten sie erst einmal ihre Innenarchitekten vorbei, denn die Wohnungen, alle zum Kauf angeboten, wurden im Rohbauzustand übergeben. Vermutlich ist das selbst für Luxuswohnungen ungewöhnlich, aber das gilt auch für das Angebot. In den oberen vier Endetagen umfassen alle Wohnungen mindestens die Fläche einer Etage. Und das teuerste Angebot beinhaltete eine Wohnfläche von 340 qm für 3,75 Millionen Euro. Wohlgemerkt im Rohbauzustand. Trotzdem war sie schnell verkauft, genau wie alle anderen auch.
Unter den Mietern finden sich prominente Namen von Fußballstars: Gerald Asamoah und Patrick Owomoyela. Ob sie dort wirklich wohnen, ist allerdings fraglich. Viele vermögende Menschen kaufen sich Wohnungen in der HafenCity als Geldanlage. Die möblierten Räume stehen leer, bis sich nach einigen Jahren ein neuer Eigentümer dafür interessiert. Ein anderer Bewohner hat Schlagzeilen gemacht und war wirklich und leibhaftig im Marco-Polo-Tower zu Hause. Ich spreche von Lotte, einem Huhn. Sie wuchs auf einem Bauernhof auf und landete nach vielen Umzügen als Stadthuhn in der HafenCity. Lotte hatte Eigenschaften, die man eher von einem treuen Hund erwarten würde. Jedenfalls ist sie ihren Besitzern zugelaufen und weigerte sich, zum Hühnerhaufen zurückzukehren. Man nahm sie mit, zog etliche Male mit ihr um und hatte Lotte längst zum stubenreinen Haustier erzogen. Kurz vor dem Umzug in die HafenCity, vorher lebte man im Haus mit Garten, schien es, dass das Hühnerleben zu Ende gehen würde. Lotte hatte eine große und teure OP hinter sich, konnte keine Eier mehr legen und bekam in Hinblick auf ihre Lebensdauer eine wirklich schlechte Prognose vom Tierarzt. Also nahm man sie einfach mit und gönnte ihr die letzten Tage/Wochen (?) in der luxuriösen Wohnung am Strandkai. Hühner werden acht, höchstens neun Jahre alt, und die kranke Lotte hatte davon schon den größten Teil erlebt. Zum Finale ging es nun also hoch hinaus. Nur auf dem Balkon allein, wenn er auch geräumig war, konnte sie nicht leben. Deshalb nahm die Besitzerin allen Mut zusammen, klemmte sich Lotte unter den Arm und ging mit ihr regelmäßig spazieren. Schon bald gab es einen großen Fan- und Freundeskreis. Schneller kann man seine neuen Nachbarn gar nicht kennenlernen. Im September 2012 starb Lotte, acht Jahre alt, und damit das bekannteste Huhn an der Elbe.
Der Marco-Polo-Tower hat Preise gewonnen. Seine Architektur ist auffallend. Jedes Geschoss ist um wenige Grad verdreht, sodass der Turm sich optisch in die Höhe schraubt. Das Erdgeschoss hat die kleinste Fläche, dann werden die Etagen immer größer bis zum 12. Obergeschoss. Darüber findet man die extrem großen Luxuswohnungen. Für den Statiker nicht einfach, denn die Lasten konnten nicht senkrecht abgeleitet werden. Die auffallende Form wurde von der Zeitung ‚Die Welt‘ einmal als „bewohnbare Skulptur“ beschrieben. Der Volksmund drückt sich schlichter aus und nennt das Haus einfach ‚Dönerspieß‘.
Neben dem 55 Meter hohen Tower steht ein viel flacheres Gebäude, das aber nicht minder optisch auffällt. Es ist ein Bürohaus mit besonderer Fassadenverkleidung. Innen eine Glasfassade und drumherum eine Hülle aus ETFE-Folie. Das ist ein Verwandter von Teflon und hat ähnliche Eigenschaften. Dazu ist die Folie extrem lichtdurchlässig, hält Wind und Regen ab und wärmt auch noch. Optisch fällt sie auf, schön finde ich sie nicht. Mieter oder Eigentümer des Hauses war Unilever. Und der Architekt, das Büro Behnisch aus Stuttgart, war für beide Gebäude verantwortlich, sowohl Marco-Polo-Tower als auch das Unilever-Haus. Die zogen 2020 aus, und mit ihnen die legendäre Eisdiele im offenen Erdgeschoss. Jetzt ist New Work SE der Eigentümer, der durch sein Karriere-Netzwerk Xing bekannt wurde. Seit Anfang dieses Jahres gibt es einen neuen Eigentümer, nämlich die Hamburg Port Authority. Die wollen die Büroflächen selbst nutzen, und ich hoffe sehr, dass man den Zugang zum glasüberdachten Atrium im Erdgeschoss weiterhin für alle offenhält. Das ist nämlich ein optischer Leckerbissen im Inneren des Hauses, den man nicht erwartet, wenn man die eher langweilige äußere Fassade betrachtet hat.
Ich gehe oft an den beiden Gebäuden vorbei. Zum einen lockt mich der Spaziergang rund um den Strandkai und zum anderen treffe ich überraschend oft auf sympathische, offene Nachbarn, die Zeit für einen Klönschnack haben. Nicht selten führen sie ihren Hund spazieren, und der freut sich, wenn ich ihn als „good boy“ begrüße. Oder sie interessieren sich für mein Hobby, das Fotografieren, und schon kommt man ins Gespräch. Aber klammheimlich hoffe ich auch immer auf eine Begegnung mit Lotte bzw. einer Nachfolgerin. Wer es sich leisten kann, lässt seine Träume wahr werden. Und manche sind bunt und lustig.






















