
Alle Jahre wieder, tönt es laut von fern und nah, weihnachtlich glänzet der Wald, nur das traute hochheilige Paar … Nein, textsicher bin ich nicht. Nach der ersten Strophe, taste ich mich mit leiser Stimme durch, bis der Refrain kommt. Ab dann stimme ich wieder mit voller Kehle ein. Glocken mit heiligem Klang, klinget der Erde entlang. Das passt zum Glück immer. Aber eigentlich habe ich genau das wiedergegeben, was ich gehört habe. Bei der Würstchenbude, beim Besenbinder, beim Crêpes-Stand und hinten aus der Ecke, wo der Glühwein angeboten wird. Jeder hat sein eigenes Radio mitgebracht und die zentral aufgestellten Lautsprecher halten munter dagegen. Sie sind lauter, haben den besseren Klang, nur leider keine Weihnachtslieder. Niemand kennt die Songs, die dort gespielt werden. Heute Morgen habe ich im Radio erfahren, dass alle Weihnachtsmärkte ein Musikproblem haben. Wenn Sie die Lieder spielen, die wir hören wollen, dann bittet die Gema zur Kasse. Und das nicht zu knapp. Keiner kann/will die Beträge zahlen, weil sich das Projekt Weihnachtsmarkt dann nicht mehr rentiert. Überaus ärgerlich, aber ich wüsste einen Ausweg. Wie wäre es, wenn wir selbst singen? Wer sich nicht traut, kann ja erst einmal ein Glas Glühwein trinken. Spätestens nach dem zweiten Becher verschwinden die Bedenken von ganz allein.
Der jüngste Weihnachtsmarkt hat in der HafenCity eröffnet, am Überseeboulevard. Wer jetzt sagt, da gab es aber auch schon in den letzten Jahren einen Markt, hat recht. Der liegt im Nordteil des Quartiers und nun wurde auch im Südteil ein richtiges Weihnachtsdorf eröffnet. Direkt vor dem Westfield Center, dem Organisator. Offiziell heißt der Markt ‚Nordic Lights‘, womit ein langgehegter Wunsch von mir in Erfüllung geht. Einmal die Nordlichter sehen, das steht schon seit einigen Jahren auf meiner Wunschliste. Jetzt hat es sich erfüllt und schon am ersten Abend fragte ich mich bange, ob ich mit meinen Wünschen künftig lieber vorsichtiger umgehen soll. Das Lichtspektakel, das von Laserkanonen produziert wird, taucht den Markt und die Umgebung in bunte Farben. Leider traf es auch meine Hausfassade. Alle paar Sekunden huschte ein blaues, rotes oder grünes Lichtpaket über die Wand, unter die Loggiadecke und durchs Fenster bis ins Wohnzimmer. So hatte ich es mir nicht vorgestellt, und die Aussicht, bis Weihnachten damit zu leben, machte mich nicht gerade fröhlicher. Aber das Westfield-Management hat schnell reagiert. Schon am zweiten Abend waren die Scheinwerfer neu justiert und trafen nur noch auf die Wandflächen, wo es niemanden stört. So geht gute Nachbarschaft.
Der typische Weihnachtsmarktgeruch, der auch bis auf meinen Balkon aufsteigt, ist mir hingegen willkommen. Er ist nicht aufdringlich, sondern sanft und süß. Ein wenig Bratwurst, viel Schmalzgebäck, manchmal ein Hauch Tanne und alles untermalt von ein wenig Glühweinduft. Was will man mehr, wir haben schließlich Adventszeit.
Als ich hier einzog, hatte ich die Wahl. Ich hätte eine Wohnung ruhig und still zum Innenhof haben können oder alternativ zum Marktplatz, auf dem tausende von Besuchern jeden Tag entlanglaufen. Ich habe mich für den Trubel entschieden und bereue es nicht. Mir tut das pulsierende Leben gut und es hilft mir, mich niemals einsam zu fühlen. Die perfekte Lösung wäre natürlich ein zusätzliches Schlafzimmer zum Hof, aber die Variante ist nicht vorgesehen.
Der Weihnachtsmarkt steckt natürlich noch in den Kinderschuhen, aber der erhoffte Erfolg zeichnet sich schon jetzt ab. Man (Westfield) hat nicht gespart. Gleich 35 solide Holzhütten wurden über mehrere Tage aufgebaut. Jede bekam Tannenschmuck, eine Girlande aus Licht und schließlich einen richtigen Tannenbaum vor die Tür gestellt. Am späten Vormittag geht es los. Schon bald drängen sich die Besucher vor den Buden. Um neun Uhr ist Schluss und dann kehrt schon bald Stille ein. Damit kann man leben, sowohl die Betreiber, als auch die Anwohner in den Häusern rundherum. Wenn jetzt noch ein wenig Schnee fällt, könnte das Wintermärchen wahr werden. Ein hell erleuchteter Marktplatz, mit bunten Verkaufsständen, auf deren tief verschneiten Dächern sich das Nordlicht spiegelt. Weihnachten kann kommen, ich bin jetzt schon in Stimmung.
PS: Absage in letzter Minute
Wissen Sie schon, wo Sie Silvester feiern werden? Ich wurde eingeladen und bin mehr als glücklich. Ich werde bei einer Nachbarin feiern, die hoch oben wohnt. Von ihrer Dachterrasse haben wir besten Blick auf das Feuerwerk, das erstmals in der HafenCity stattfinden und in ganz Deutschland im TV zu sehen sein wird. Es werden noch weitere Nachbarn kommen, darunter auch eine enge Freundin, die in England zur Welt kam. Inzwischen lebt sie hier in Hamburg, aber die englische Tradition hat sie natürlich beibehalten. Nämlich das neue Jahr mit einem Lied zu begrüßen. Sie kennen es alle, auch wenn der Titel vielleicht nicht bekannt ist: Auld Lang Syne. Die Melodie und der Text berühren fast jeden ganz tief in der Seele. Dabei wird durchaus fröhlich gesungen und es endet immer mit einer langen und herzlichen Umarmung. Dieses Jahr muss ich es nicht allein singen, sondern kann es mit allem Drum und Dran in Gemeinschaft zelebrieren.Andere hatten sich ihren Silvesterabend ähnlich schön vorgestellt und nun ist die Planung im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen. Das britische Kreuzschiff ‚Aurora‘ hat schon seit Monaten den Liegeplatz in der HafenCity für die Silvesternacht gebucht. Dann kam das ZDF mit seiner Silvesterparty und auf einmal wurde der Platz zu eng. Das Schiff muss weichen. Sie werden zwar in Hamburg sein, aber am Terminal in Steinwerder festmachen. Und das ist richtig blöd. Von dort hat man zwar gute Sicht auf das Feuerwerk an den Landungsbrücken, aber man kommt nicht hin. Die Elbe liegt unüberwindbar zwischen Schiff und Partymeile. Da bleibt dann nur noch die Taxe und das wird kostspielig. Vielleicht feiern sie auf dem Cruiser? Wie auch immer, kommt gut rein.






















