Planten un Blomen

Zentral gelegen, wunderschön gestaltet und überraschend ruhig. Sobald man den Hauptweg verlässt und einem der unzähligen kleinen Pfade folgt, taucht man in eine zauberhafte Parallelwelt ein. Kein Mensch ist zu sehen, himmlische Ruhe. Eine Bank lädt zum Verweilen ein, ein kleiner Bach plätschert zufrieden und ein Eichhörnchen mit dick gefüllten Backen fragt staunend: „Hallo, wo kommst du denn her?“ Planten un Blomen ist ein wunderbarer Ort, eine Wohlfühl-Oase zwischen Dammtor und Elbe. Eine Fläche von 47 Hektar beherbergt vier Parkteile: den Alten Botanischen Garten am Dammtorbahnhof, die ehemalige Fläche der Bundesgartenschau, genannt ‚Planten un Blomen, die Kleine Wallanlage nördlich der Musikhalle und die Große Wallanlage, die sich bis zum Bahnhof St. Pauli erstreckt. Gut, der Stadtpark ist dreimal so groß und der Ohlsdorfer Friedhof hat fast 400 Hektar, aber in Hinblick auf Vielfalt liegt Planten un Blomen ganz vorn.

 

 

Der Alte Botanische Garten und das eigentliche Planten un Blomen sind das Herzstück des Parks. Getrennt werden sie von einer Straße, an der das Hotel Radisson Blu liegt. Es ist das höchste Hotel Hamburgs und der Turm mit 32 Geschossen ist weithin sichtbar. Eine willkommene Orientierungshilfe, wenn man im Park unterwegs ist. Es gibt zwar überall Hinweispfeile, aber sobald man einem der kleinen Wege folgt, und das sollte man unbedingt tun, verliert man die Spur.  Es gibt keine rechten Winkel, alles folgt der natürlichen Topografie, und schon nach wenigen Metern hat man um 180 Grad gedreht. Folgt man nun also weiter dem Pfad oder versucht man, die Richtung einzuhalten, die der Wegweiser angezeigt hat? Natürlich folge ich dem eingeschlagenen Weg, lasse mich an jeder Ecke überraschen, was sich dahinter verbirgt, und nehme gelegentlich eine grobe Richtungsprüfung vor, indem ich nach dem Hotelturm Ausschau halte. Eine alternative Methode führt immer am Wasser entlang. Man kann den Wasserkaskaden bis zum Parksee folgen und später am gefüllten Wallgraben entlanglaufen. Und wer die Schnitzeljagd mag, sollte sich auf der Park-Webseite die Karte mit den Standorten der Skulpturen ansehen. Davon gibt es 27 Stück, überall im Park verteilt. Folgt man ihnen von 1 bis 27, wird man zuverlässig vom Fernsehturm bis zum Millerntor-Stadion geführt. 

Kaum zu glauben, dass schon nächste Woche die Sommer-Sonnenwende stattfindet. Ja, tapfer bleiben, die Tage werden dann wieder kürzer. Und die Hitze kommt, hoffentlich nicht allzu lange und intensiv. Aber ein Zufluchtsort wäre dann auf jeden Fall Planten un Blomen. Der alte Baumbestand sorgt für viele schattige Plätze. Dort wird man aushalten können. 

 

 

Ich habe Planten un Blomen in den letzten Jahren regelmäßig besucht. Übrigens ist der gesamte Park kostenfrei. Manches erkenne ich wieder, manches wird vertraut, und doch finde ich jedes Mal Neues. Diesmal war es eine kleine Info-Tafel, die über ein gigantisches Bauvorhaben erzählte, von dem ich nie gehört hatte. Unter dem Parkgelände verbirgt sich ein Bunkersystem aus dem Krieg. Die Stollen wurden mitten im Zweiten Weltkrieg gegraben. Die Gesamtlänge sollte über einen Kilometer betragen. In dem verzweigten Röhrensystem sollten bis zu 2.000 Personen sicheren Schutz vor den alliierten Bombenangriffen finden. Eine Erweiterung auf die doppelte Kapazität war bereits geplant. Man wollte bis unter die Musikhalle und die heutigen Messehallen weitergraben. Die Fertigstellung war für den November 1945 geplant, aber die Kapitulation im Mai beendete das Projekt abrupt. Als 1963 die Internationale Gartenbauausstellung in Planten un Blomen stattfand, wurde die Bunkeranlage gesichert und unzugänglich gemacht. Verschwunden ist sie aber nicht. Zwei zugemauerte Eingangstore lassen sich noch finden. Eine bizarre Vorstellung, dass unmittelbar unter dem wunderschönen Park, der Ruhe und Friedlichkeit ausstrahlt, ein gigantischer Kriegsbunker vergraben liegt. 

Als ich morgens den Park betrat, kam ich vor dem Bahnhof Dammtor an einer Skulptur vorbei. Sie zeigt Kinder, die sich von ihren Eltern verabschieden. Ein Schild zeigte den Namen der Gruppe: Kindertransport – Der letzte Abschied. Alle Personen tragen den Stern an ihrer Kleidung, sie sind Juden. Nahe des Dammtorbahnhofs gab es eine zentrale Sammelstelle, wo sich Hamburger Jüdinnen und Juden zur Deportation einfinden mussten. Die Skulptur erinnert aber an einen der wenigen Lichtblicke. Sie erzählt von der Aktion ‚Kindertransport‘, deren Verdienst es war, rund 10.000 jüdische Kinder aus dem Deutschen Reich nach Großbritannien zu retten. Ihre Eltern blieben zurück. Das geschah zwischen 1938 und 1939. Oft war es ein Abschied für immer.