Gut reingekommen? Noch besser wäre es, wenn man auch gut wieder rauskommt. Vorher will 2026 aber erst einmal ge- und erlebt werden. Mein erster Gedanke am Neujahrsmorgen, der mir in den Sinn kam, kreiste um die Balkonbepflanzung. Warum? Ich habe keine Ahnung. Ich beschloss spontan und unwiderruflich, am 1. März Stiefmütterchen zu pflanzen. Und habe es sogar in den Kalender eingetragen! Und dann habe ich gleich zweimal an den Fingern nachgezählt, aber es änderte sich nichts. Das ist schon in zwei Monaten! Acht Wochen!! 59 Tagen!!! Da bleibt nicht viel Zeit, nun also los, kopfüber hinein ins neue Jahr.
Einen kleinen Rückblick will ich aber doch noch loswerden, nämlich auf den Silvesterabend. Alles war so schön geplant, die Einladung zur Party war längst eingetroffen, und für den Fall der Fälle hätte es sogar einen Plan B gegeben. Stilvolles Silvesteressen mit meinen Nachbarn, dann ein kleiner Rückblick auf ein Jahr Seniorenresidenz und schließlich Berliner satt und Sekt zum Anstoßen. Was soll ich sagen, es kam natürlich ganz anders als geplant. Statt Party auf der Dachterrasse hing ich eher lustlos im Sessel. Statt einer Bowle auf dem Tisch, stand eine Familienpackung Tempotücher in Griffweite. Ja, es war mal wieder passiert. Schnupfen, Husten, Heiserkeit pünktlich zwischen Weihnachten und Neujahr. Zum Glück gibt es WhatsApp, und so konnte ich liebe Grüße und nette Wünsche verschicken und empfangen. Alles ohne Ansteckung. Und ganz nebenbei erfuhr ich, dass ich nicht alleine im Klub der Schniefnasen war.
Mir ging es nicht so schlecht, dass ich nicht einen kurzen Spaziergang gewagt hätte, aber das Wetter hielt mich ab. Es war gräuslich. Kalt, leichter Dauerregen, ungemütlich. „Eigentlich schade“, dachte ich mir, denn erstmals fand das große ZDF-Feuerwerk gleich vor meiner Tür statt, allerdings für mich unsichtbar, denn zwischen Partymeile an der Elbe und meiner Wohnung befindet sich noch das Westfield Center. Da die ganze Chose aber auch live im Fernsehen zu sehen war, konnte ich eigentlich ja doch direkt dabei sein. Also umschalten aufs ZDF und schauen, was dort passiert. Ich sage es gleich vorweg: Lange habe ich es nicht ausgehalten. Was für eine langweilige Show. Etwas in die Jahre gekommene Moderatoren, langweilige Songs und Interpreten, gequälte Gute-Laune-Stimmung. Das war nicht mein Geschmack, aber die anderen Sender mühten sich nicht minder ab. Eine lustige Komödie aus dem Ohnsorg Theater, inzwischen aber so oft wiederholt, dass man Mitleid bekommen kann. Comedyshows, deren Witz bei mir partout nicht zünden will, oder gleich alternativ Dokus über Natur und Geschichte. Armes TV-Deutschland. Da waren die Schwarz-Weiß-Silvestershows in den Sechzigerjahren besser: erst die Münchner Lach- und Schießgesellschaft und dann Schlagerhits, Fernsehballett und Big Band. Alles live. Übrigens zeigte das Dritte schon damals das ‚Diner for One‘ im Vorabendprogramm. War auch schon in den 60ern lustig, wird aber durch endloses Wiederholen nicht besser.
Genug der Kritik? Nein, eins sollte noch erwähnt werden. Während in der LIVE-Übertragung im ZDF die Sekunden ‚runtergezählt wurden, tuteten draußen schon die Schiffe auf der Elbe. Kaum zu glauben, aber im ZDF gingen die Uhren nach. Sie waren zu spät. Ich machte mir trotzdem einen gemütlichen Abend. Mit Hustenbonbons, Zitronentee und schließlich doch noch einem Berliner, surfte ich zwischen Instagram-Videos und Schweden-Krimis aus der Mediathek. Dann war es soweit, der Zeiger rutschte über die zwölf und begann seine Runde von vorn. Vermutlich bimmelten die Kirchglocken (nicht hörbar) und die Nachbarn im Luxus-Wohnturm ‚The Lyte‘ öffneten ihre Panoramafenster. Hurra, Prost Neujahr, Cheers! Und schon stiegen die Raketen in den Himmel und ich hatte fast einen Platz in der ersten Reihe. Nach vier Minuten war das große Elbfeuerwerk vorbei, privat wurde noch ein wenig länger geböllert. Aber dann war auch bald wieder Ruhe, typisch HafenCity. Man weiß die Feste hier zu feiern, zieht aber nichts in die Länge, bis es peinlich wird. Es gibt so viel zu sehen, zu machen und zu feiern, da gibt es einfach keinen Grund, sich ängstlich an irgendeinem Gefühl festzuklammern. Auch ein Grund, warum ich mich hier sehr wohlfühle.
Noch eine erfreuliche Erkenntnis: Ich habe es erstmals geschafft, brauchbare Fotos von einem Feuerwerk zu machen. Also nicht aufgeben, man lernt immer dazu, auch wenn es manchmal länger dauert.
Ein Nachwort:

Silvesterfeuerwerk ist nicht mehr zeitgemäß. Noch schlimmer sind die Böller, die einen zu Tode erschrecken und genug Sprengkraft haben, um die Gesundheit ernsthaft zu gefährden. Bekannt werden die Todesfälle, die Anzahl der abgerissenen Hände und weggesprengten Gesichter, aber wie viele Menschen, alt und jung, erleiden ein Knalltrauma, verspüren Angst und Schrecken? Was ist mit dem Tierwohl und der Umwelt? Warum verpesten wir für Stunden die Atemluft? Kann das wirklich mit der Vorfreude auf das neue Jahr gerechtfertigt werden? Oder mit der Tradition der Vertreibung des Winters, der Kälte und möglicher böser Geister? Nee Leute, nicht wirklich.
Die Feuerwerke werden immer größer, dauern immer länger. Die Böller werden lauter und gefährlicher und der Einsatz steigt von Jahr zu Jahr. Schluss damit. Ich bin sehr für ein deutschlandweites Verbot. Machen wir es den Nachbarn in den Niederlanden nach. Sie sind auf dem richtigen Weg. Oder gehen wir wenigstens einen ersten Schritt und verzichten (per Gesetz) auf den Kauf von privat genutztem Feuerwerk. Stattdessen werden meinetwegen an geeigneten Orten öffentliche Shows gezeigt. Und da sollte man dann zügig auf Laser- und Drohnentechnik umstellen. Die können nämlich nicht nur Krieg.
Das schönste Bild vom Jahreswechsel habe ich auf Instagram gesehen. Ich glaube, es zeigte eine Silvesterfeier in China. Dort zogen etliche schmale Boote wie an einer Kette aufgereiht hintereinander über einen Fluss. Sie waren alle sehr schmal, nur aus vier oder fünf Bambusstangen gefertigt. Auf jedem stand eine kleine Bambusbank, darauf ein oder zwei Personen. Vor und hinter ihnen stand ein aufgespannter, sonnengelber Schirm. Darunter ein Licht, das den Stoff wie einen Stern leuchten ließ. Diese Boote zogen wie eine gigantische Schlange über den Fluss. Am Ufer stand die Bevölkerung und sang ein altes Volkslied. Das Bild vermittelte eine magische Stimmung. Eine Freude und Wärme, wie wir sie mit keiner Silvesterrakete erzeugen können. Vielleicht sollten wir kreativ werden und über neue Rituale nachdenken. Manchmal ist das Einfache das Beste. Oder wie Antoine de Saint-Exupéry sagte: „Perfektion ist nicht erreicht, wenn nichts mehr hinzugefügt werden kann, sondern erst dann, wenn nichts mehr weggelassen werden kann.“
Hier kann man es sich auf YouTube ansehen.

















