Was ist das eigentlich für ein Turm? Wir haben ihn alle schon dutzendmal gesehen und doch kennt kaum einer seinen Zweck. Er steht unmittelbar an den Vorsetzen, zwischen Bahn-Viadukt und Jan-Fedder-Promenade. Ein Restaurant ist eingezogen und hat ein paar Tische und Stühle aufgestellt. Sie bieten portugiesische Küche an, was nicht wundert, denn hier beginnt das Portugiesen-Viertel. Hungrige Touristen fragen gezielt nach dem Quartier, denn es besteht fast ausschließlich aus Restaurants mit mediterraner Küche. Dieser Turm aber steht schon viel länger hier und diente sicherlich früher einem ganz anderen Zweck.
Das runde, nicht besonders hohe Gebäude, fällt nicht besonders auf. Es hat eine hanseatische Klinkerfassade und ein nettes flaches Zeltdach. Es gibt eine Eingangstür und ein einziges Fenster mit Blick auf das Wasser. ‚Trutzig‘ sieht der Turm aus, und weil er genau auf der alten Wallanlage steht, kommt mir die Idee, dass er damit zu tun gehabt hat. Aber ich verwerfe den Gedanken schnell wieder, denn dafür ist die Bausubstanz nicht alt genug. Welchem Zweck diente er dann?
Tatsächlich handelt es sich um ein Schutzbauwerk, genauer gesagt um einen Rundbunker. Diese relativ kleinen Türme wurden während des Zweiten Weltkriegs errichtet, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen. Insbesondere Menschen, die mit der Bahn unterwegs waren und von einem Luftalarm überrascht wurden. Deshalb baute man diese Türme stets nahe an einem Bahnhof, und bis heute haben sich einige erhalten. Ich erinnere mich an einen größeren, nahe der Sternschanze. Aber auch beim Berliner Tor und beim Bahnhof Hasselbrook habe ich diese Türme schon gesehen. Sie wurden von Paul Zombeck konstruiert und nach ihm benannt.
Im Inneren gibt es nur einen runden, gemauerten Kern und eine sanft ansteigende, breite Rampe bis unter das Dach. Sie waren für 500 Personen ausgelegt, konnten aber auch das Doppelte aufnehmen. Es gab nämlich weder Räume noch Sitzgelegenheiten. Bis auf wenige karge Holzbänke für alte Menschen. Alle anderen standen in dem Bunker, dicht an dicht, und warteten ab. Im inneren Kern waren Toiletten eingebaut. Das war der einzige Komfort. Immerhin galten diese kleinen Hochbunker als splitter- und explosionssicher und hatten eine gasdichte Schleuse. Zombeck war es wichtig, die Türme möglichst harmlos aussehen zu lassen. Eigentlich waren die Wände und das Dach aus dickem Beton gefertigt. Er bestand aber zusätzlich auf die Klinkerfassade und fast zierlichen Dachpfannen und hat sich bezüglich der optischen Wirkung nicht verschätzt. So kommt es, dass diese Bunker noch heute eher wie ein geheimnisvoller Turm aussehen und besser in ein Märchen als in den Kriegsalltag passen.
Den Luftschutz-Turm an den Vorsetzen hat man unter Denkmalschutz gestellt. Er wurde 1940 errichtet und lediglich das obligatorische Hakenkreuz über der Eingangstür wurde entfernt. Die freie Stelle im Kranz ist noch immer deutlich erkennbar. Immerhin kann man inzwischen dort Tapas und Petiscos bestellen, ansonsten weiß man aber nicht so recht, was man mit dem Turm anfangen soll. Andererseits stört er auch niemanden. Die Autos rauschen im sanften Bogen an ihm vorbei und für das hochstelzige U-Bahn-Gleis ist auch genug Platz. Vermutlich geht es den Hamburgern wie mir: Sie nehmen den Turm gar nicht mehr wahr, weil er doch schon immer dort stand. Vielleicht würden wir ihn erst dann bemerken, wenn er fort ist. Schaut man aus dem Fenster der Bahn, dann gehört sein Anblick zur Elbe wie die Masten der Cap San Diego oder die Musical Theater am gegenüberliegenden Ufer.
















