Auf Spurensuche

Inzwischen bin ich wohl so ziemlich alle Straßen innerhalb der Altstadt entlanggelaufen, was keine große Herausforderung war, denn das Gebiet ist überschaubar. Es ist sogar ausgesprochen klein und wenn ich mich gedanklich in den Alltag der Menschen einfühle, die hier vor zwei- oder dreihundert Jahren gelebt hatten, dann wird mir klar, dass sie bestens miteinander vertraut waren. Sie haben sich sicherlich täglich gesehen, sind auf der Straße aneinander vorbeigelaufen oder trafen sich am Hafen bei den Schiffen. Der lag anfangs überraschenderweise nicht an der Elbe, sondern in der Alster. Gut geschützt hinter dem Baumwall, dort wo wir noch heute die Deichstraße finden, die sich am Nikolaifleet mit sanfter Kurve entlang schmiegt. 

Alle Straßen folgten dem Wasserlauf und der kennt keinen rechten Winkel. Stattdessen mäandert das Wasser sanft durch die Landschaft. Das merkt man noch heute deutlich, wenn man den Straßen in der Altstadt folgt. Das ist auch der Grund, dass ich noch immer auf die Karte schauen muss, obwohl ich die Häuser wiedererkenne. Ich verliere einfach die Orientierung, weil der Weg selbst mich von der geraden Linie abbringt. Aber es gibt Hilfe und die ist ebenfalls aus frühen Jahren erhalten geblieben. Die hohen Kirchtürme der fünf Hauptkirchen sind bestens geeignet, um den schnellsten Weg von A nach B zu finden. Meist sind gleich mehrere von ihnen zu sehen und dann weiß man wieder, wo man sich befindet. 

Betrachtet man die Karte aus der Zeit der französischen Besatzung (Anfang 19. Jahrhundert), dann fällt auf, dass sich bis heute kaum etwas geändert hat. Die Straßennamen wurden beibehalten und ihr Verlauf folgt noch immer den alten Fleeten. Die allerdings sind zum Teil verschwunden. Zwei von ihnen habe ich heute Morgen aufgesucht. Ich wollte mal sehen, ob noch irgendwelche Spuren zu finden sind. 

 

Ein bearbeiteter Ausschnitt aus einer Hamburg Karte von 1813. Sie hat keinen Urheberschutz, wird als ‚gemeinfrei‘ klassifiziert.

 

Das Steckelhörnfleet verband das breite Nikolaifleet (damals Hafen) mit dem Zollkanal. Der führt noch heute in die Elbe und bildete die Grenze zum Freihafen (ab 1888) mit den Speicherhäusern. Das Katharinenfleet war der wasserseitige Zugang zu den Kaufmannshäusern, die dort an beiden Uferseiten standen. Ein solches Haus hatte zur Fleetseite die Warenspeicher und zur Straßenseite die große Diele mit dem Kontor (Büro). Darüber wohnte die Kaufmannsfamilie. Ein Bebauungskonzept, das erst jetzt, in der HafenCity, wieder aufgenommen wurde. Eine durchmischte Nutzung, mit Büros, Geschäften, Gastronomie und Wohnungen. Und es funktioniert bestens. Die HafenCity ist von morgens bis spätabends, sieben Tage in der Woche, voller Leben. Auch am Sonntag findet man dort keine verwaisten Büroquartiere. Man knüpft also an uralte Lebenskonzepte an, die sich im alten Hamburg bewährt hatten.

Nach dem Krieg wurden viele Fleete mit dem Schutt verfüllt, der von der zerbombten Stadt übrig geblieben war. Man benötigte die Wasserwege nicht länger, denn die Speicher war zerstört und die Neubebauung folgte einem neuen Konzept. Die Kaufleute hatten ihre Waren inzwischen tiefer im Hafengebiet untergebracht, dort wo die großen Schiffe direkt am Kai anlegen konnten. Deshalb baute man nach dem Krieg in der Stadt ausschließlich moderne Bürohäuser auf und glaubte, dass die Menschen in grünen Vororten besser und glücklicher leben könnten. Damit war die Trennung zwischen Arbeitsstelle und Wohnort vollzogen.

 

 

Auf alten Postkarten wird das Steckelhörnfleet oftmals sehr romantisch dargestellt. Mit gemütlichen Fachwerkhäusern, wo Blumen auf der Fensterbank stehen und Kinder fröhlich spielen. Die Realität war anders, denn auch hier befand sich eines der zahlreichen Gängeviertel. Das letzte davon wurde erst 1958 abgerissen. Was aber so besonders am Steckelhörn war, ist die Sichtachse, die genau auf die Nikolaikirche fällt. Leider wurde dieser Blick verstellt durch den Bau eines Büro-Hochhauses (ehem. Hamburg-Süd).   

Meine Fototour ist kurz, sogar sehr kurz. Ich folge den alten, inzwischen zugeschütteten Fleeten und bin in wenigen Minuten wieder am Startpunkt. Dann schaue ich mir noch die alte Mündung des Steckelhörnfleets in den alten Hafen an und da beginnen die Glocken von St. Katharinen zu schlagen. Sie rufen die Gemeinde zum sonntäglichen Gottesdienst zusammen. Der Klang ist wunderschön und ich genieße den Augenblick. Genauso haben es damals die hanseatischen Kaufleute erlebt, als sie noch in der Altstadt lebten. Vermutlich sind mehr von ihnen zur Kirche geströmt, denn ich habe niemanden sehen können. Vielleicht sollte ich selbst einmal der Einladung folgen, schließlich ist St. Katharinen nun auch mein Kirchenkreis geworden und wer neu hinzuzieht, sollte seinen Nachbarn einen freundlichen Besuch abstatten.

 

 

 

Steckelhörn

Der Name taucht erstmals am Anfang des 14. Jahrhunderts auf. Benannt wurde damit immer der Ort, wo die Straße noch heute zu finden ist. Ein Gebiet auf der Cremoninsel, die heute keine mehr ist. Die Bedeutung des Namens scheint nicht geklärt zu sein. Es finden sich mehrere Deutungen. Eine Ecke oder einen Winkel nannte man ‚Hörn‘. Das Wort ‚Steckel‘ könnte aber von einem Eigennamen abgeleitet worden sein oder man muß es wortwörtliche nehmen, was zunächst wenig Sinn macht. Ein ‚Steckel‘ ist nämlich eine Distel. Dann wäre dieser Ort die ‚Distelecke‘ und tatsächlich wurden an den engen Fleetmündungen häufig Pflanzenreste angeschwemmt. Disteln können sich dann schnell ausbreiten und wuchern gerne an solchen Plätzen. Es könnte auch der plattdeutsche Begriff ’stekel‘ gemeint sein, der stechend, spitz oder steil meint. Dann hätten wir es hier mit der ‚Scharfen Ecke‘ zu tun, was mir auch gut gefällt.